Die Kometenjägerin

Heimlich folgte sie Vater und Bruder in die Nacht hinaus, rauf auf die Schanzmauer im Hannover des 18. Jahrhunderts. Zwischen Ihme und Leine sah Caroline zum ersten Mal das Sternbild des Orion, oben auf den Schultern ihres Bruders Wilhelm. Und lauschte den Geschichten des Vaters, über den Himmelskämpfer und die berühmten Gürtelsterne. Diese Nacht sollte dem Leben von Caroline Herschel eine Richtung vorgeben – eine, die für sie so nicht vorgesehen war.

Wer den Namen Herschel hört, denkt an den berühmten Astronomen Wilhelm Herschel, Entdecker des Uranus, begnadeter Musiker und Teleskopbauer. Doch kaum einer denkt an seine jüngere Schwester Caroline. Eva Maaser zeichnet in dem historischen Roman „Die Astronomin“ ihr facettenreiches Leben von Kindheit an detailliert nach. Geboren 1750 in Hannover lernte sie lesen und schreiben, ihr Vater – Hofmusiker – lehrte sie in Gesang. Das dominierende Thema beim Abendessen im Hause Herschel: die Astronomie. Caroline fühlte sich bei den Gesprächen oft ausgeschlossen, war die Wissenschaft doch eine Männer-Domäne. Heimlich las sie die wissenschaftlichen Aufzeichnungen, folgte Vater und Bruder zu Himmelsbeobachtungen und baute sich so schon als Kind zwischen Stricken und Haushalt ein umfassendes Wissen in Astronomie auf.

Mit 22 Jahren folgte sie ihrem Bruder Wilhelm nach England. Nacht für Nacht stand sie ihm treu zur Seite, polierte unermüdlich die Spiegel für seine Teleskope, freute sich für seine Erfolge. Die Entdeckung des Uranus im Jahr 1781 war für Caroline ein Wendepunkt. Sie kündigte ihren Job als Konzertsängerin und fing für 50 Gulden im Jahr als offizielle Assistentin von Wilhelm an. Mit ihrem kleinen Newton-Teleskop – liebevoll als Kometenjäger bezeichnet – scannte sie jede Nacht präzise den Himmel ab, stellte komplizierte Berechnungen an, entdeckte Nebel und Kometen und erhielt am Ende die Anerkennung, die sie sich Zeit ihres Lebens insgeheim gewünscht hatte.

Die in Ich-Form geschriebene Biographie trägt dazu bei, dass beim Leser ein Bild entsteht von einer Frau, die anfangs als aufsässiges und rebellisches Mädchen entgegen allen gesellschaftlichen Zwängen ihren Weg geht. Sich als bescheidene und treue Assistentin im Schatten ihres großen Bruders bewegt und am Ende mit zahlreichen Entdeckungen als Kometenjägerin in die Geschichte der Astronomie eingeht. Kein leichter Weg, den Caroline da gegangen ist. Und doch ist es ein Lebensentwurf, der beeindruckt. Insgesamt ein Roman, den man in einem Atemzug lesen kann und bei dem man ganz nebenbei noch etwas über Musiktheorie, Teleskope und Sternenbeobachtung lernt.

Eva Maaser (2005): Die Astronomin.

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