Der Trampelpfad der Inka

Es gibt Reisebücher, die dem Leser die berühmtesten Attraktionen als kleine Amuse-Gueules präsentieren. In denen lange, teils ermüdende Abhandlungen über historische Begebenheiten gehalten werden. In denen an Emotionen so viel auf den Leser einprasselt, wie Hagelkörner an Ecuadors Küste. Und dann gibt es solche Autoren, die den Leser sprichwörtlich in ihren Bann ziehen. Den Leser mitnehmen auf seine Reise. Ihn teilhaben lassen an Wegesrandbekanntschaften, Naturschauspielen und Höhen und Tiefen einer Reise so anschaulich vermitteln, dass das Kopfkino anspringt und vor lauter imaginären Bildern der Film vorm inneren Auge nicht mehr zu stoppen ist. Einer dieser Autoren ist John Harrison, der mit Cloudroad: A Journey through the Inca Heartland ein ganz besonderes Bild des Camino Real vermittelt. Und dem Leser das Gefühl gibt, selbst an seiner Seite auf dem Weg der Inka zu wandern.

John Harrison startet im verregneten Quito. In der ecuadorianischen Hauptstadt bereitet er sich auf seine fünfmonatige Wanderung vor: Er will das alte Land der Inka vom Äquator bis Machu Picchu zu Fuß durchqueren, immer auf den Spuren des sagenhaften Camino Real, der vor Jahrhunderten über den Rücken der Anden verlief und heute teils nicht mehr als ein kleiner Trampelpfad ist. Seine Reise wird erschwert durch das raue Andenklima, durch die Unbarmherzigkeit der südamerikanischen Natur, die ihn öfters an den Rand des Scheiterns bringt, durch körperliche Beschwerden, die erst der Esel Rucio zu lindern vermag.

Doch seine Reise wird auch geprägt, von den Menschen in den Anden, die nie zuvor einen Touristen gesehen haben und die ihn mit einer unglaublichen Gastfreundlichkeit empfangen, die trotz ihrer absoluten Armut den Fremden mit einem Dach über dem Kopf und einem warmen Essen empfangen. Immer wieder trifft John auf seiner Reise auf Zeichen der sagenumwobenen Vergangenheit der Inka, diese Zeichen ziehen sich wie ein roter Faden durch Johns Reise auf dem Königsweg der Inka, bis er schließlich das große Ziel erreicht: Machu Picchu im peruanischen Andenland.

John Harrison erzählt seine Wanderung minutiös, wird dabei aber niemals ausschweifend oder ermüdend. Jeder einzelne Satz über die andine Natur, über die Menschen, die er trifft, ja, sogar über historischen Fakten über das Inkareich, ist fesselnd. Er vermag es, ein Bild im Kopf des Lesers zu vermitteln, bei dem keine Fotografie mithalten könnte. Wie Altmann einmal in einem seiner Bücher beschrieben hat, bringt Harrison den Leser dazu, durch das Buch zu hecheln, Seite für Seite entlang zu sprinten mit einem nicht stillbaren Hunger auf die nächste Seite.

Besonderes Schmankerl für mich war seine Wanderung durch Ecuador. Von Quito geht es südwärts über die Avenida de los volcanes am Cotopaxi und am Chimborazo vorbei. Dank seiner bildreichen detaillierten Beschreibung lässt Harrison mich Ecuador noch einmal Revue passieren. Ich erwische mich dabei, wie ich zustimmend mit dem Kopf nicke, wenn er von der dünnen Luft am Cotopaxi berichtet oder wie ich fast den Geruch wahrnehme, der Ambatos Straßen belagert.

Aber auch die mir unbekannten Landschaften in Peru brennen sich mir ins Gedächtnis ein, als sei ich selbst mit Harrison auf dem Inkaweg unterwegs gewesen. Ein Buch voll winziger aber dennoch faszinierender Begebenheiten. Ein Buch, das man einfach nicht mehr weglegen kann. Auf das man sich freut. Bis zum ernüchternden Ende, das einen abrupt aus der andinen Landschaft zurück in die Gegenwart schleudert.

John Harrison (2010): Cloud Road. A Journes through the Inca Heartland (deutsche Übersetzung „Wolkenpfad“ erschienen im DuMont-Verlag).

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