Tekapo: Wo Menschen nach den Sternen greifen

Er umkreist seinen Stern in rund 3.300 Lichtjahren Entfernung von der Erde und ist der kleinste Planet, der je außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt wurde. Zumindest sorgte das damals noch für Schlagzeilen, beim Zeitpunkt der ersten Sichtung 2008 am Mount John University Observatorium am Lake Tekapo.

Hier, mitten im Mackenzie-Becken zwischen den neuseeländischen, schneebedeckten Alpen, die sich wie mit Puderzucker bestäubte Diamanten an einer Kette aufreihen, gibt es auf über 1.000 Metern Höhe ideale Bedingungen zum Sterne gucken. Der Grund: 2012 erklärte die International Dark Sky Association das Gebiet zu einem Dark Sky Reservat, einem von nur zehn weltweit.

Ich sitze in einem Intercity-Bus, unterwegs von Queenstown – dem Après-Ski-Ort von Neuseeland. Im Winter tummeln sich hier Schneehasen in bunten Schneeanzügen und geflochtenen Zöpfen und Snowboard-Surfer mit Boards im Graffiti-Look und Pudelmütze, kommen verschwitzt mit roten Wangen von den Remarkables zurück in die engen Straßen am See Wakatipu, essen billige Pizza, trinken teures Bier, lauschen den zahlreichen Live-Musikern. Noch hat der Winter nicht begonnen, in einem englischen Pub bin ich die einzige an der hölzernen Bar, die ausgestattet mit Pale Ale dem Gitarristen zujubelt, der musikalisch eine Mischung aus Robbie Williams und David Bowie verkörpert und die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, dass ein paar mehr Zuhörer ihm Beifall bekunden, sobald die ersten Ski-Fans eintreffen. „Die Ski-Saison beginnt erst am Samstag“, meint der Bar-Tender, nennen wir ihn Joey. „Jetzt ist es echt noch ruhig hier. Aber ab Samstag wird er vor vollem Publikum spielen“ und nickt dabei mit dem Kopf Richtung der kleinen Bühne.

Queenstown wird im Winter überrannt von Touristen aus aller Welt. „Skifahren in Queenstown wäre ein Highlight“, schwärmt eine Mitreisende aus Deutschland, der die Alpen in Österreich wohl entfallen sind. Leider müsse sie ausgerechnet einen Tag vorher zurück nach Deutschland. Die Uni fängt an. Warum Skifahren in Queenstown so populär sein soll, ist mir noch schleierhaft. Die Remarkables – das Skigebiet schlechthin – sind grün wie die Almwiesen in Österreich im Sommer. Von Schnee keine Spur.

„I love the countryside“

Nach zehn weiteren Liedern, die von Hoffnung und verlorenen Romanzen erzählen, mache ich mich zurück auf den Weg ins Hostel. Der Mond scheint hell über den Bergen, Sterne sind nur vereinzelt zu sehen, ja, sogar die Milchstraße kann ich erahnen. Das meiste aber wird überstrahlt vom silbernen Scheinwerfer am Firmament. Ich freue mich auf Tekapo – dem nächsten Ziel meiner Reise durch Neuseeland und dem wohl sternenreichsten Ort im Kiwi-Land.

Der Bus fährt früh morgens um sieben Uhr aus Queenstown los. Unsere Busfahrerin, Tracey, stammt ursprünglich von der Nordinsel. Aber sie liebe den Süden so sehr. „It’s so lovely, I love the countryside“. Und so kam sie her und fährt heute mit Mütze und Flechtzöpfen den Intercity voll bepackt mit Touristen Richtung Tekapo. Tracey ist gut drauf, lachend erzählt sie wie am laufenden Band, schon in Queenstown in der Stadt schwingt sie ihre Reden, sprudelt wie die Wasserfälle in den neuseeländischen Bergen. Immer mit dem Hinweis: „Aber ich will euch ja gar keinen Knopf ans Ohr reden, aber hier die Straße ist bekannt weil… und da der Hügel ist berühmt für…“. So ging es die ganze Fahrt über. Tracey ist Busfahrerin aus Leidenschaft – sie hat einfach Spaß an ihrem Job und ihre Begeisterung steckt an. Dass das Wetter schlecht ist und in den meisten Landstrichen dicke Wolken wie schwere Theatervorhänge den Blick auf das Schauspiel verhindern, macht gar nichts aus. Tracey beschreibt die Landschaft in ihren buntesten Farben, entschuldigt sich für die Wolken, als sei sie persönlich als Kulissenmeister für die Bühne zwischen Queenstown und Tekapo verantwortlich.

Durch Goldgräberstätten

Auf jeden Fall fühlt sie sich verantwortlich für die Bildung ihrer Fahrgäste. Tracey ist ein wandelndes Geschichtsbuch. Wir fahren quer durch den Otago District, vorbei an Cromwell – der Stadt des ewigen Goldes. In den 1860er Jahren fand hier ein wahrer Goldrausch statt. 1.000 Goldsucher pro Tag pilgerten in die Stadt in der Hoffnung, an schnelles Geld zu kommen. Die Bevölkerung explodierte, die ganze Region war beseelt vom schnellen Reichtum, alle wollten nach den Sternen greifen, die Tasche voller Träume, die Augen voller Hoffnung. In Windeseile wurde die Stadt aufgebaut, kleine Holzhütten sprießen aus dem Boden, als ob sie vor den Goldreserven unterhalb der Erde flüchteten. Menschen standen wie eine Horde Reiher in den Flussbetten, schürften unermüdlich, lebten unter miserablen Bedingungen – all das machte ihnen nichts aus, wollten sie doch hier, am anderen Ende der Welt, das schnelle Geld machen.

Natürlich sprachen sich die Goldvorkommen herum wie ein Lauffeuer. Nicht nur Chinesen, Australier und Europäer suchten nach dem goldenen Glück. Auch große Bergbaufirmen ließen sich in Otago nieder, um sich das größte Stück vom goldverzierten Kuchen abzuschneiden. Das war auch die Zeit, als sich die Ekstase immer mehr zu einer trägen Hoffnung und schließlich zu einer großen Enttäuschung verwandelte. Die Schürfer hielten mit ihren einfachen Werkzeugen gegen die großen industriellen Schwimmbagger nicht mehr mit, viele zogen weiter, ließen desillusioniert Hütten und Hoffnungen hinter sich, statt Träumen in den Hosentaschen mehr Kieselsteine als Gold, und versuchten anderswo ihr Glück zu finden. Manche blieben, ließen sich von den Firmen als Bergbauarbeiter anstellen. Heute gleicht die Region Otago an vielen Orten einer verlassenen Mondlandschaft. Geisterstädte vermitteln heute noch den Rausch der vergangenen Jahre.

Mittlerweile kümmern sich viele Neuseeländer darum, diesen Teil der Geschichte aufrechtzuerhalten. Manche wie Tracey, die auf ihren Busreisen von dem goldenen Zeitalter berichtet. Viele Goldgräberstätten haben sich in Museumslandschaften verwandelt. Touristen können in Flüssen selbst ihr Glück versuchen und nach Gold schürfen. Traceys goldene Ohrringe wippen bei jedem Schlagloch mit. Ihr gefallen die ganzen Goldrauschgeschichten, aber wir sollten uns keine Hoffnungen machen. „Die Flüsse sind komplett leer geschürft. Die einzigen, die hier noch am Gold verdienen, sind die Manager von der OceanaGold Corporation, die in der Macreas Gold Mine schon zwei Millionen Unzen Gold abgebaut haben.“ An das schnelle Geld kommt man eben manchmal nur mit schwerem Geschütz. Oder mit Gold-Aktien an der neuseeländischen Börse.

Die Stadt, in der die Nacht noch dunkel ist

Wir verlassen die Goldrausch-Gegend, überqueren den atemberaubenden Lindis-Pass auf dem State Highway 8 und endlich lichtet sich der Wolkenvorhang. Die Berge sehen aus, als hätte sich ein moosgrünes Tuch über sie gebreitet, ganz so, als ob es die Bergwelt vor dem anstehenden rauen Winter beschützen wollte. Tracey hat selbst für den letzten Grasbüschel ein Auge, macht uns aufmerksam auf rote Beeren an kargen frostüberzogenen Büschen, beschreibt die Clay Cliffs am Horizont – ganz hat sich der Vorhang doch nicht gelüftet, die Klippen verstecken sich wie Souffleusen hinter dem Vorhang. Natürlich sind auch sie Schauplatz für Peter Jacksons Herr der Ringe. Überhaupt: Jede Ecke im Kiwi-Land scheint ein Teil der Trilogie zu sein.

Nach ein paar Stunden kommen wir in Tekapo an – die Stadt, in der die Nacht noch dunkel ist. Stadt ist übertrieben, kleine einstöckige Häuschen reihen sich an den Gletschersee, es gibt einen Supermarkt, ein paar Hostels. Eine Taverne und einen Souvenirshop. Und natürlich wieder das eindrucksvolle Bergpanorama, direkt hinter dem See, der wie eine Lache von türkisblauer Tinte zwischen den schneebedeckten Bergen im Tal liegt. Auf dem Busparkplatz steht ein Container, ein improvisiertes Reisebüro, das so aussieht, als hätte es irgendjemand mal eben schnell dort abgestellt, um die Touristen direkt einzusaugen, sobald sie die letzte Stufe vom Reisebus herab gesprungen sind. Plakate versprechen einen glitzernden Himmel, übersät mit Milliarden von Sternen, bunten Nebeln, funkelnden Sternhaufen und majestätischen Planeten. Ein Grund, warum ich hierher wollte – eine Stadt ohne Lichtverschmutzung, mit freiem Blick auf den klaren Himmel, die Sterne zum Greifen nah.

Schütze hinter Wolken

Das Mount John University Observatorium lädt ein zu Sternführungen hoch oben auf über 1.000 Meter. Vom Dorf aus wandere ich knapp zwei Stunden rauf zum Gipfel. Der Weg geht durch einen Nadelwald, der so dicht steht, dass die Sonnenstrahlen sich nur mit Mühe wie Speerspitzen hindurchkämpfen. Wolken verfangen sich in der Höhe, der eigene Atem verwandelt sich in rauchenden Nebel, es wird kalt, so kalt, dass die Zweige gefrieren. Reglos stehen Bäume und Büsche da, wie eine stumme Armee, als ob sie darauf warten, dass die Sonnenstrahlen sie vom Frost befreien.

Ganz anders das Observatorium. Es thront seit 1965 majestätisch auf dem Gipfel und lässt sich in der strahlenden Sonne wärmen und von Touristen bewundern. Die Universität hat damals beschlossen, das Observatorium im Mackenzie-Becken oben auf dem Berg zu errichten. Von hier aus habe ich einen perfekten Blick über die Landschaft, über die Seen und südländischen Alpen. Heute steht hier das größte Teleskop Neuseelands: Das MOA-Teleskop mit 1,8 Metern Durchmessern. 2008 hat die American Astronomical Society bekannt gegeben, den bis dato kleinsten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt zu haben. Ich freue mich, der Planet liegt im Sternbild Schütze, das von der Südhalbkugel perfekt zu sehen ist. Doch Petrus hatte heute andere Pläne. Als ob das Wolkenband uns auf den Weg bis Tekapo verfolgt hätte, hängen sie jetzt nicht mehr hinterm Lindis Pass vor den Clay Cliffs, sondern verdecken den Blick auf den Himmel über dem Tekapo-See. Was für ein Pech, in einem Lichtschutzgebiet zu sein und keine Sterne weit und breit. Und auch der Exoplanet mit dem poetischen Namen MOA-2007-BLG-192Lb ließ sich – natürlich – nicht blicken. Der Griff nach den Sternen wurde zum Griff in eine graue Suppe, die aber keinesfalls einen faden Beigeschmack hinterlässt. Sondern den Wunsch entfacht hat, einfach nochmal herzukommen, an den sternenreichsten Ort Neuseelands.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. 2015 waren wir in New Zealand. Ein 4 wöchiger Traum.Der Lake Takapo ist ein sehr schöner kleiner Ort. Wir haben uns nachts auf den Rasen gelegt und haben uns die Milchstrasse direkt über uns zum greifen nah angesehen. Bemerkenswert war: Die absolute Stille mit der gigantischen Aussicht auf den Sternenhimmel.Gruß Andreas

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s