Die drei Wunder von Boquete

Ein alter Suzuki, ein japanischer Tourist und ein Stück Land in Panamas Westen – das war alles, was Mister Tito zu seinem Glück brauchte. Mister Tito wohnt auf seiner Kaffeeplantage „La Milagrosa“ in Boquete. Ein kleiner Flecken in der Provinz Chiriquí, auf dem unzählige saftig grüne Kaffeebäume wachsen. Und der von drei Wundern erzählt.

Boquete in Panama ist das Schlaraffenland für Kaffeeliebhaber. Kaffee ist für die Stadt so wichtig, wie das Schnitzel für Wien. Der Hof von Mister Tito ist klein, fünf Hektar misst er nur. Und trotzdem ist er ein Ökosystem für sich. Bananen wachsen hier und Zitronen, glückliche Hühner sorgen für beste Bodenbedingungen. „Wir produzieren hier nicht für große Kunden“, erklärt Jason, Kaffee-Enthusiast und Plantagen-Führer. „Auf der Farm von Mister Tito achten wir auf Qualität, nicht auf die großen Mengen. Kaffee ist hier pure Leidenschaft“, strahlt Jason mit einem weißen Lächeln und krempelt sich die Ärmel seines beigen Leinenhemds hoch. Die Freude und die Begeisterung für die Kaffeeproduktion springen direkt auf uns über.

Kaffeefarm in Boquete, Panama

Wir wandern staunend über die kleine Farm, querfeldein durch die gedrungenen Kaffeebäumchen und lernen jede Menge über die koffeinhaltige Bohne, über die sechs Sorten, die Mister Tito mit viel Liebe züchtet. Geisha heißt etwa eine Sorte. Oder Amarello, Catuai, Pacamara oder Typica. Alle mit ihren ganz besonderen Eigenheiten. Wir lernen etwas über die verschiedenen Trocknungsprozesse, etwa der Honey Process, bei dem der süße Saft um die Bohne herum mit getrocknet wird. Oder über die verschiedenen Röstzeiten, den „First Crack“ beispielsweise. Vor allem aber lernen wir etwas über das Leben des Plantagenbesitzers.

Mister Tito stand schon immer im Schatten seiner Brüder. Und das seitdem er klein war, erzählt uns Jason. Immer waren seine Brüder besser, in der Schule, beim Sport und in der Lebensplanung. „Such dir einen Studienplatz“, hieß es irgendwann nach der Schule. Und: „Wann willst Du eigentlich heiraten?“ Oder: „Nimm dir ein Beispiel an deinen Brüdern.“ Mister Tito aber wollte sich kein Beispiel nehmen. Und ein Studium kam für ihn sowieso nicht in Frage. Und die Frauen? Da war noch nicht die richtige dabei. Außerdem hatte er sein Herz bereits verschenkt. Denn seine große Liebe war das Kaffeetrinken. Klar, wer in Boquete aufwächst, muss Kaffee lieben.

Kaffeebohnen beim Trocknungsprozess

Und eines Tages, als sein Bruder wieder die besten Noten mit nach Hause brachte, entschied er sich: Den Traum der eigenen Kaffeeplantage wahr werden zu lassen. Mister Tito war jung und so grün hinter den Ohren wie seine heutigen Kaffeebäume. Aber er war auch hartnäckig, ideenreich und ein Glückspilz. Und so erlebte er in kürzester Zeit die drei Wunder, die ihm das heutige Leben auf seinem Hof ermöglichen.

Das erste Wunder

Am Anfang stand er vor dem Nichts. Große Pläne hatte er in seinem Kopf, von Ländereien in Panamas Bergen, deren Boden so fruchtbar wäre, dass seine Kaffeebeeren prächtig gedeihen würden. Vom Hightech-Röster, der weltbekannten Kaffee rösten und Preise ohne Ende absahnen würde. Von internationalen Großkunden, die seinetwegen über den Atlantik flögen, um vor Ort kosten zu können. Ja, das alles hatte Mister Tito vor seinem inneren Auge, wenn er wieder an seinem Fenster saß und mit einem Blick über die grünen Berge von seiner Zukunft träumte.

Am selben Abend hörte er in der Bar gegenüber vom Dorfplatz einen Nachbarn von einem freien Stück Land in den Bergen, oberhalb von Boquete, reden. Mister Tito spitzte seine Ohren. Ländereien brauchte er dringend, damit sein Traum auch gedeihen konnte. Und siehe da: Der Grund und Boden wurde günstig verkauft, viel zu günstig, möchte man meinen, und so hat Mister Tito zugeschlagen. Sein Konto war gähnend leer, er nahm jeden Job im Dorf an, den es gab. Er kutschierte Touristen, wann immer er konnte mit dem Taxi durch die Gegend, legte all das Geld zurück, bezahlte wenige Wochen später den Besitzer und freute sich über ein kleines Stückchen Land. Das war das erste Wunder.

Bewachsene Kaffeeplantage in Boquete

Das zweite Wunder

Nun stand er da. Vor einem Gelände, das dem geheimen Garten von Burnett in nichts nachsteht. Pflanzen wachsen kreuz und quer, Hühner laufen wild herum, ein moosbedecktes Auto steht unter einem knorrigen Baum. „Mister Tito hat natürlich gestutzt und gezweifelt, als er das Stück Land sah“, berichtet Jason, als wir neben dem verrosteten Auto stehen. „Wie sollte er denn Herr dieses Grundstücks werden, so ganz ohne Gartenkenntnisse, Geräte und Werkzeug?“ Immerhin kannte Mister Tito sich mit Autos aus. Als Taxifahrer muss man das auch. Reifenwechsel, Ölkontrolle, Motor inspezieren – eine Leichtigkeit für Mister Tito. Der alte Suzuki unter dem Baum hatte die besten Tage hinter sich. Und dennoch sollte er die größte Rolle seines Lebens erst noch spielen.

Mister Tito ging ganz pragmatisch an die Sache heran. Er rodete das Land mit neuen Geräten, er kaufte Kaffeesamen für die ersten Bäume und er weidete den alten Suzuki komplett aus. „Man glaubt gar nicht, für was ein Auto alles her halten kann“, lacht unser Plantagenführer. Heute dienen die letzten Teile des Suzuki als Kaffeeröster und Mühle im Hof. Mister Tito brauchte gar kein Geld auszugeben. Mit eigener Kraft machte er aus dem Brachland eine frische Plantage und zauberte seine Geräte, die er für die Kaffeeproduktion brauchte, aus einem alten Wagen. Das Auto war das zweite Wunder.

Das alte Auto auf der Kaffeefarm

Das dritte Wunder

Es folgten ein paar holprige Jahre. Die Samen der verschiedenen Kaffeesorten verteilte Mister Tito wahllos auf seiner Plantage. Bald schon wuchs dort ein Urwald an Kaffeebäumen, die sich selbst die Luft zum Atmen nahmen. Ohne Wissen startete Mister Tito die Kaffeeproduktion und schon bald zerplatzte sein Traum wie eine Seifenblase. Keine Einnahmen, keine Weiterentwicklung, keine Perspektive. Er ging sein Projekt nochmal von vorne an und erstellte ein penibles Konzept, welche Samen er an welcher Stelle pflanzte. Und das Konzept ging auf: Von nun an standen gleiche Sorten beieinander, kanibalisierten sich also nicht mehr selbst. Die Geisha-Samen verteilte er bewusst zwischen den verschiedenen Sorten. Diese Bäume wachsen höher als die üblichen und stechen mit ihrem Aussehen hervor.

Die Geisha hat sich für Mister Tito zu einer wahren Goldgrube entwickelt. Der Name kommt ursprünglich aus Äthiopien, entspricht aber auch dem japanischen Wort Geisha. Ein japanischer Tourist hat auf seiner Panama-Durchreise Wind davon bekommen. Ein Kaffee, der nach einer japanischen Unterhaltungskünstlerin benannt wird, muss doch wohl gut sein, oder? Und so besuchte der Japaner Mister Tito, war von seiner Lebensgeschichte und von seinem Kaffee so begeistert, dass er 5000 Pfund von dem Geisha-Kaffee auf einem Schlag bestellte. Über Nacht wurde Mister Tito reich und berühmt. Aufgrund der Großbestellung konnte Mister Tito sein Geschäft so richtig aufblühen lassen. Der japanische Tourist war das dritte Wunder.

Geröstete Kaffeebohnen nach verschiedenen Röstzeiten

Wenn Wunder wahr werden

Der bescheidene Mister Tito hat es geschafft. Heute produziert er einen der besten Kaffees von Panama und mit dem Geisha einen der teuersten Kaffees der Welt. Manchmal bedarf es einfach nur ein paar kleiner Wunder, um seinen Traum zu erfüllen. Aber die wichtigste Lektion, die Mister Tito gelernt hat, ist: Auch wenn ihm viel Wunderbares widerfahren ist – man muss selbst fest anpacken, zugreifen, wenn sich einem eine Gelegenheit bietet und jeden Schritt, auch wenn man stolpert, mit voller Überzeugung gehen, um sich seinen Traum am Ende zu erfüllen.

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