Christchurch: Ein Hauch von Wunderland

Wer Christchurch besichtigt, lernt eine triste Stadt kennen, deren Äußeres sich seit dem verheerenden Erdbeben 2011 nur langsam erholt. Kunstwerke schmücken die Orte, an denen früher noch Häuser standen. An Straßen, Plätzen und Fassaden erkennt der Besucher deutlich die Narben der Vergangenheit. Baustellen prägen das Stadtbild, an fast jeder Straße rot weiße Absperrungen. Auch an der Tuam Street. Wo der Neuseelandreisende aber auf den zweiten Blick ein kleines Wunder erlebt: Das Kino Alice Cinemas.

Die Wände sind voll beklebt. Wo das Auge hinfällt, strahlen einem berühmte Protagonisten aus traurigen Romanzen und wilden Western von Filmplakaten entgegen. Da ist etwa die kleine Brooklynn Prince, die einem unter dem Titel „The Florida Project“ frech aus dem Einkaufswagen entgegen grinst. Oder Leinwand-Eiskunststar Margot Robbie, die als Tonya verkleidet direkt über dem Kinoeingang prangert. Und Florence Pugh wacht mit voller Würde als Lady MacBeth im blauen Kleid auf gelben Biedermeier-Sofa über einem Regal voller bunter DVDs. Die Neuerscheinungen. Oder an der anderen Wand die Dramen, die Thriller.

Hollywood ist in Neuseeland

Wer das kleine Independent Kino Alice Cinemas im alten Postgebäude in der Tuam Street in Christchurch betritt, schafft es automatisch nach Hollywood. Ein roter Teppich begrüßt die Besucher, der Duft von Popcorn süß und salzig hängt in der Luft vermischt mit der Melancholie der 2000er Jahre, als man den Freitagabend noch in der Videothek verbrachte und sich mit der Schwester um den Film des Abends stritt. Wer leiht heute noch Filme in einer Cinematheque aus? Wer kennt noch das Drama, wenn sich das Band der VHS verheddert hat? Wer erinnert sich noch an den Stolz auf die erste eigene Ausleihkarte, an die Suche nach den DVD-Marken am nächsten Morgen, mit denen man den Film wieder zurück bringen musste? Und schon direkt den nächsten Streifen fürs kommende Wochenende im Visier hatte. Ich wüsste heute in Zeiten von Netflix und Co spontan noch nicht einmal, wo sich die nächste Videothekt befindet. Was früher das Highlight der Wochenenden war, ist heute eine Rarität, so selten geworden wie Lavalampen und Gameboys. Eine Rarität, die in Christchurch aber seit den 1980er Jahren gehegt und gepflegt wird.

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Vom Shop zum Art-House-Cinema

Begonnen hat alles als kleiner VHS-Shop von Herrn und Frau Stewart in der Hereford Street. Das Ziel: Den Appetit von jenen zügeln, die hungrig sind nach außergewöhnliche Filmen. Die sich nicht auf das Fernsehprogramm der 90er Jahre verlassen wollten. Sondern die auf der Suche nach echter Filmkunst sind. Alice brachte die Filme auf VHS wieder zum Vorschein, die längst vergessen waren. Die so ungewöhnlich waren, dass man sie als Ladenhüter schnell in die Katakomben der Kaufhäuser verbannt hatte. Damit hat sich der kleine Laden einen Namen erarbeitet: Ein Cineasten-Shop, der sich auf das Ungewöhnliche, das Seltene spezialisiert hatte und seinem Publikum Filme aus aller Welt bot. Bis 2011 das Erdbeben in Christchurch die Filmenthusiasten zwang, ihren Laden vorrübergehend zu schließen.

Ganz nach Kiwi-Mentalität ließ sich die Familie nicht entmutigen. Der Sohn ergriff die Chance und baute ein ganz neues Business auf: Ein Wunderland-Kino in der Tuam Street mit unübertroffen großen Sammlungen an Historienfilmen, Arthouse-Titeln und Mainstream. Den kleinen Shop um ein echtes Kino zu erweitern, war die beste Idee, die sie je hatten, so die Brüder Stewart, die das Kino heute leiten.

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Von Ägypten bis ins Wunderland

Seit 2012 laufen die Projektoren in der Cinematheque. Ein ägyptisch angehauchtes Kino mit alten Art-Deco-Säulen neben den rotplüschigen Sitzreihen, das andere ganz im Stile von Alice im Wunderland, mit dem weißen Kaninchen auf der Eingangstür, schwarz roten Sesseln und Symbolen von Spielkarten an den Wänden, gepaart mit Retro Fridays und Classic Matinees und natürlich dem Alice Social Club für die Hartgesottenen. Für das Konzept wurde das Kino von der New Zealand Motion Picture Industry ausgezeichnet als Best Independent Cinema. Die Brüder Stewart waren erstaunt über diese Auszeichnung: Es habe sie sehr geehrt, dass sie sich gegen die Großen durchsetzen konnten. „Wir sind doch nur ein kleines Kino im hinteren Teil eines DVD-Ladens“, so der eine Bruder. Ja, ein kleines Kino in einer unscheinbaren Straße. Aber ein Kino, das dem eher tristen Christchurch einen Hauch von Wunderland verschafft.

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