Europa fliegt zur Sonne: Ein nicht ganz ernst gemeintes Interview mit dem Solar Orbiter

Am 10. Februar 2020 startete vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida eine kleine Sonde in Richtung Sonne. Ihre Mission: Die Erforschung des Sonnenwinds. Hätte der Solar Orbiter kurz vorm Start ein Interview geben können – es würde sich wohl in etwa so angehört haben.

Lieber Solar Orbiter, dürfen wir Sie SolO nennen?

Von mir aus, das ist ja meine offizielle Abkürzung, warum also nicht.

Sie wirken ein bisschen genervt so kurz vorm Start?

Ja kein Wunder, wie wären Sie denn drauf, wenn Sie seit zwei Jahren auf das größte Abenteuer ihres Lebens warten, aber es mehrfach aufgeschoben wird? Ich hatte alle meine Schrauben schon im Juli 2017 sicher verstaut, aber der Start wurde damals verschoben. Fragen Sie jetzt nicht warum, ich weiß es nicht, mir erzählt man ja nicht viel.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, morgen geht es ja dann endlich los.

Ihr Menschen und eure Floskeln… aber ja, stimmt, morgen ist es wirklich so weit und ich fliege endlich zur Sonne.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf die Atlas-V-Rakete – wer hat schon mal die Gelegenheit mit so einem Koloss von der Erde geschossen zu werden? Und so weit ich weiß, gab es mit dieser Trägerrakete noch keine Fehlstarts – also beste Voraussetzungen für meine Mission.

Erzählen Sie mal von der Mission, was wollen Sie überhaupt an der Sonne? Soll ja nicht der entspannteste Ort im Sonnensystem sein…

Nein, gewiss nicht, aber ganz ehrlich – zum Merkur kann ja jeder fliegen. Nichts gegen BepiColombo und Co., das war eine tolle Leistung, aber ich freue mich darauf, noch weiter ins Zentrum zu fliegen und unsere Sonne zu untersuchen. Konkret werde ich zunächst ein paar Mal an der Erde und der Venus vorbei fliegen und deren Gravitation als Anschub nehmen, Swing-by nennen die Forscher das. Rund 3,5 Jahre soll ich bis zur Sonne brauchen. Bis spätestens 2030 soll ich dann eine polwärts geneigte Bahn um die Sonne eingenommen haben, bin ja mal gespannt, ob die ESA-Mannschaft richtig gerechnet hat. Eine Umrundung soll dann 168 Tage dauern, bis zu 42 Millionen Kilometer kann ich mich dem Stern nähern.

Klingt zwar weit, aber das ist ganz schön nah dran für einen Stern – haben Sie keine Angst vor einem Hitzeschlag?

Sie meinen, wie im letzten Sommer hier? Ne, keine Sorge, die Leute von der ESA richten mich immer so aus, dass mein Hitzeschild zur Sonne zeigt – das schützt mich vor den hohen Temperaturen. Um die 500 Grad kann es da dann heiß werden, das geht ja noch.

Woraus besteht denn so ein Hitzeschild?

Aus gebackenen Tierknochen. Ohne Witz jetzt, hat mir ein Systemtechniker von Airbus oder so erzählt.

Aha. Das sind ja mal unnütze Weltraumfakten.

So unnütz dann doch nicht, das Hitzeschild mit den verbauten Knochen sorgt dafür, dass die Instrumente nicht zu heiß werden. Bei Bedarf kann ich kleine Schutzklappen am Hitzeschild öffnen, etwa wenn eine Kamera ein Bild schießen oder ein anderes Instrument Messungen vornehmen will. Direkt nach dem Foto schließe ich die Klappe wieder. Damit sind die vielen Instrumente sicher vor der Hitze geschützt.

Was für Instrumente sind das zum Beispiel?

Hauptsächlich Krempel zur Erforschung der Oberfläche und der Atmosphäre der Sonne. Ein Spektrometer, wir nennen ihn STIX, ist etwa an Bord, der Intensität, Spektrum, Zeit und Ursprung von Röntgenquellen beobachtet. Außerdem sind Werkzeuge dabei, um das Magnetfeld in der Photosphäre aufzulösen oder Bilder der Schichten der Sonnenatmosphäre zu knipsen. Zudem will die ESA auch die Korona der Sonne im Bereich des sichtbaren und ultravioletten Lichts beobachten und prüfen, inwiefern das sichtbare Licht durch Elektronen des Sonnenwinds gestört werden könnten. Die werden dann hoffentlich auch herausfinden, wie der Sonnenwind zusammengesetzt ist.

Das sind ganz schön viele Aufgaben für eine kleine Sonde.

So klein bin ich nicht, ich wiege immerhin 1.800 Kilogramm und bin so groß wie ein Gartenpavillon – so ungefähr. Aber ja, Sie haben recht, wir haben wirklich viel vor. Aber wir haben ja auch rund sieben Jahre Zeit dafür. Unser Ziel ist es herauszufinden, wie unser Stern das Sonnensystem mit seinem Magnetfeld beeinflusst und wie der Sonnenwind und die Eruptionen die Planeten prägen. Einfach, um Wechselwirkungen zwischen Planeten und ihren Sternen besser zu verstehen und da bietet sich der Stern vor unserer Haustür als Erforschungsobjekt natürlich bestens an.

Was für Wechselwirkungen meinen Sie denn?

Zum Beispiel Weltraumwetter. Sonnenwinde können extrem gefährlich werden für die Erde und beispielsweise die Luftfahrt erheblich einschränken. Diese Sonneneruptionen schauen wir uns jetzt mal aus der Nähe an.

Wir?

Ja, mein Kumpel Parker Solar Probe von der NASA kreist ja auch schon eine Zeitlang um die Sonne. Und der Teufel wagt sich noch näher dran, als ich… verrückt. Aber wir ergänzen unsere Daten gegenseitig, um wirklich das Beste aus diesen Projekten herauszuholen.

Dann wünsche ich Ihnen und Ihrem Kumpel für die kommende Zeit alles Gute.

Danke sehr, Ihnen auch. Ich muss jetzt auch echt los, morgen früh um 4 Uhr soll es losgehen, da brauche ich noch etwas Schönheitsschlaf, ich will ja Atlas-V nicht mit Augenringen begegnen.

Bild Credit: Copyright: ESA/ATG medialab

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Judith Klein sagt:

    Klasse Idee mit dem Interview, hat mir wirklich gut gefallen. Die Sonnenbeobachtung und speziell Sonnenstütme und Polarlichter fasziniert mich schon seit 5 Jahren.
    Dank der Seite https://sonnen-sturm.info bin ich immer auf dem laufenden bei diesem Thema.
    Vielen Dank auch an euren Verlag für die vielen Infos zur Sonne!
    Macht bitte so weiter!

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s