Queenstown: Mord unterm Kreuz des Südens

In Queenstown lebte einst ein Riese. Ein imposantes und schauriges Geschöpf, so grotesk und rätselhaft zugleich, dass es die Maori, die Ureinwohner Neuseelands, zu fantastischen Legenden inspirierte. Ein Schauplatz dieser Sagen ist der See Wakatipu. Zwischen den mehr als 2.000 Metern hohen Remarkables und Richardson Mountains in den neuseeländischen Alpen liegt der drittgrößte See Neuseelands gut behütet in einem Tal im Otago-Distrikt. Die hohen Berge formen einen Schutzwall vor den stürmischen Westwinden der Tasmanischen See und sorgen für ein mildes, kontinentales Klima in der Stadt.

Das lockte nicht nur Siedler wie William Gilbert Rees an, der sich als erster Europäer um 1860 hier gemeinsam mit seiner Frau niederließ und mit einer kleinen Farm den Grundstein für die heutige Stadt legte. An ein Bauernleben war für die ersten Siedler aber nicht zu denken. Bald brach der Goldrausch in der Otago-Region aus und ein Tag Schürfen im nahe gelegenen Fluss Arrow River war viel ertragreicher als ein Tag auf den Weiden. Rees ließ seine Schafe hinter sich, eröffnete ein kleines Hotel und schürfte sich die Taschen voll mit glänzenden Steinen.

Die Siedler waren längst nicht die ersten, die die Vorzüge rund um den Wakatipu-See erkannten. Dort, wo heute Adrenalin-Junkeys nach neuem Futter in Form von Bungee-Sprüngen, Helikopter-Flügen oder Wildwasserrafting lechzen, lebten früher die Maori, suchten nach grüner Jade in den Flüssen oder jagten den Moa. Der straußenähnliche Vogel ist längst ausgestorben, manch Reisender behauptet, dass er einen auf seinen Streifzügen durch die Wälder gesehen habe, doch der einzige Moa, den es heute noch gibt, ist das MOA-Teleskop, das sich in Tekapo auf dem Mount John befindet.

Zu Jupiter und Alpha Centauri

Wer Queenstown von oben kennen lernen möchte, fährt mit der Gondel hinauf auf den Bob’s Peak, rund 500 Meter über dem Stadtzentrum. Von dort oben habe ich einen fantastischen Panoramablick auf das Städtchen, die umliegenden Berge und den berühmten Lake Wakatipu, der in S-Form im Bergtal ruht, ganz wie eine überdimensionale blaue Schlange, die unbeweglich auf ihr nächstes Opfer wartet. Auf einer Sternentour auf dem Gipfel von Bob’s Peak, die ich unten im Dorf gebucht habe, sehe ich zum ersten Mal durch ein Teleskop Alpha Centauri, neben der Sonne der nächste Stern in unserer Nachbarschaft. Der Doppelstern ist rund vier Lichtjahre von uns entfernt, im Sternbild Zentaur, das wir Nordlichter auf unserer Hemisphäre niemals sehen können. Bei klarem Himmel hoch über der Stadt betrachte ich Jupiter und die Galileischen Monde, einen Sternhaufen, der sich in den äußersten Gefilden der Milchstraße befindet und zu den ältesten Himmelsobjekten überhaupt gehört. Und natürlich das berühmteste Sternbild der Südhalbkugel: Das Kreuz des Südens. Lässt man die Augen von der unteren Spitze des Kreuzes Richtung Horizont fallen, sieht man den See Wakatipu, der mystisch und silberfarben im Mondlicht glitzert. Und der Schauplatz einer der schönsten und schaurigsten Geschichten ist, eine Sage, die von einem Riesen erzählt, von einer großen Liebe, von Leidenschaft und Mord.

blick auf queenstown

Entführung am See

Die Legende besagt, dass in Queenstown ein Maori-Mädchen lebte. Manata war ihr Name, die Tochter des Maori-Stammesältesten der Gegend, wunderschön und verliebt in den Maori-Jungen Matakauri. Doch der Vater war gegen diese Liebe. Eine Hochzeit zwischen den beiden war für ihn aus unerklärlichen Gründen unmöglich. Warum, sagt uns die Legende nicht. Eines Tages entführte der Riese Matau das Maori-Mädchen. Matau lebte am Fuße der Berge rund um Queenstown in einer Höhle, ein üppiges Monster, das nie im Dorf gesehen wurde. Die Entführung schockierte den ganzen Stamm, der Vater aber machte sich die meisten Sorgen. Seine einzige Tochter in den Händen einer schrecklichen Bestie. Er trommelte alle jungen Männer aus der Gegend zusammen: „Wer meine Tochter findet und wohlbehalten nach Hause führt, darf um ihre Hand anhalten“, war die Motivation für die Junggesellen.

Matakauri zögerte nicht lange und ergriff seine Chance. Er wusste, dass der Föhnwind aus dem Westen den Riesen zum Schlafen bringt. Und so folgte der junge Maori eines Nachts dem Wind, bis er zur Höhle von Matau gelangte, am Fuße der Berge von Queenstown. Matau schlief und Matakauri fand seine Geliebte, die mit dicken Seilen in der Höhle gefesselt war. Matakauri war zu schwach, um die Fesseln zu lösen, doch das Schluchzen der armen Manata war voller Liebe zu Matakauri, dass sich die Ketten wie von Zauberhand lösten. Wie gesagt: Es ist ein Märchen.

Mord unterm Kreuz des Südens

Der Vater hielt sein Versprechen. Manata und Matakauri konnten nach langer Tortur endlich heiraten. Aber Matakauri hatte Angst, Matau könne seine Angebetete erneut entführen. Er wollte sichergehen, dass der Riese den Maoris kein Leid mehr zufügen kann. Beim nächsten Föhnwind stieg Matakauri erneut in die Höhle unterhalb der Berge hinab und legte ein alles vernichtendes Feuer. Der Riese Matau hatte keine Chance und verbrannte qualvoll in der Glut. Ab hier wird die Legende ein wenig kurios. Das ganze Fett von dem riesigen Körper heizte die Flammen nochmal so richtig an, so sehr, dass sie ein 400 Meter tiefes Loch zwischen den Bergen einbrannten. Aufgrund der Hitze schmolzen die Gletscher auf den Bergen und das Loch wurde mitsamt der Höhle von Matau mit Schmelzwasser geflutet. Heute hebt und senkt sich der See Wakatipu um wenige Meter. Schuld daran sei laut Legende das Herz vom Riesen Matau. Denn das Herz verbrannte nicht. Es schlägt noch immer in der Höhle regelmäßig im Takt.

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