Parque Nacional Coiba: Unter Haien im Weltkulturerbe

Panama. Irgendwo an der Küste. 38 Grad. Laut ächzend rumpelt der überfüllte Minibus an der Küstenstraße entlang, von Soná nach Santa Catalina, in der Provinz Veraguas in Panamá. Vorne der Fahrer, ein extrem cooler Typ mit Baseballmütze und Goldkette, neben ihm zwei große Koffer, hinter denen der Fahrkartenkontrolleur immer wieder streng nach hinten schaut. In Zweierreihen drängen sich die Passagiere mit gebeugtem Rücken Schulter an Schulter. 15 zähle ich insgesamt, in einem Bulli, der ursprünglich wohl mal für acht Mitfahrer konzipiert wurde.

Vom Dach baumeln Sicherheitsgurte herunter, schlagen im Takt zur Bachatamusik gegen die Fenster. Der Bass ist viel zu laut, bei jedem Schlag stehen die Haare zu Berge. Hinten im Kofferraum: unsere Rucksäcke, frei herum laufende Krebse und eine ganze Kiste voller gelbflauschiger Küken, die aufgeregt vor sich hin schnattern. Es ist heiß, die Knie des Hintermanns drücken in den Rücken. Und die Schlaglöcher sorgen auch nicht für eine entspannte Fahrt nach Santa Catalina, der Surf-Location schlechthin in Panamá und Tor zu einer einmaligen Inselwelt: Dem Parque Nacional Coiba.

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Angekommen in Santa Catalina in Panama

Als wir gut durchgerüttelt ankommen im kleinen Dorfzentrum – Küken und Krebse sind schon längst in einem der vorherigen Dörfer ausgestiegen – verschwinden wir direkt an den Strand. In FlipFlops und Badesachen wandern wir zum Playa Estero. Dort überrascht uns ein Gewitter und ein Regen, wie man ihn selten in Deutschland sieht. Regenzeit in Panamá, damit haben gerechnet. Pitschnass erreichen wir unser Hotel, lassen uns in die Hängematten auf unserer Veranda sinken und den Tag mit einem Cocktail ausklingen. Denn morgen steht ein Abenteuer an: Schnorcheln im Coiba-Nationalpark, ein Paradies aus 38 Inseln im Pazifik, mit weißen Sandstränden und grünen Palmen, türkisem Wasser und einer geheimnisvollen Fauna und Flora – und einer gruseligen Vergangenheit. Dass uns dieser Ausflug einiges an Nerven kosten und Ängsten einbringen sollte – da hatten wir keinen blassen Schimmer von.

Holpriger Start ins Inselparadies

„No, no – heute gibt es keine Tour zur Insel“, begrüßt uns eine hochschwangere junge Frau an einem der unzähligen Tauchshops in Santa Catalina. Das Wetter sei zu schlecht, sagte sie bei 30 Grad und hielt sich schützend die Hand vor das Gesicht, um die pralle Sonne am wolkenlosen Himmel abzuschirmen. Und es gäbe keine Gäste. Lohne sich nicht, zu wenig Geld komme dabei rum. Komisch nur, dass uns im Hotel was anderes gesagt, ja, sogar eine Tour bereits gebucht wurde. Um halb acht sollte es losgehen, zum Galápagos von Panamá. Doch der Touranbieter hat sich wohl dagegen entschieden. Kein gutes Geschäft heute. Für den Tauchshop, aber auch für uns. Willkommen in Panamá. Hier läuft halt nichts nach Plan. Das wissen wir schon längst, enttäuscht sind wir trotzdem. Mit langen Gesichtern sitzen wir an der Straße, neben Mülleimer und streunendem Dorfhund, schwitzen vor uns hin und wissen nicht so recht, was wir mit uns anfangen sollen. Enttäuscht wandern wir zum Strand runter, vielleicht hilft ein bisschen schwimmen?

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Ein Spanier spricht uns an, ob er uns helfen könne. Wir sahen anscheinend sehr hilflos und verloren aus. Er wolle raus aufs Meer zu einer Tauchtour, ob wir mitkommen wollen. Er habe nur nichts zu essen für uns und wir würden als Schnorchler wohl auch nicht so viel sehen, auf dem offenen Meer. Aber besser als nichts, oder? Wir sprinten schnell zum Supermarkt – und plötzlich steht das Mädchen wieder vor uns, grinst uns an und sagt: „Si claro – heute gibt es eine Tour zur Insel.“ Claro, natürlich. Das Wetter war übrigens noch genauso gut wie eine Stunde zuvor, aber jetzt gibt es mehr Gäste, mehr Cash für den Shop. Sodass sich die Fahrt hinaus aufs Meer auch finanziell einigermaßen lohnt. Claro, können wir sogar verstehen.

santa catalina playa estero

Achterbahnfahrt auf offenem Meer

Wir machen kehrt und wandern zurück zum Strand, Flossen und Schnorchel im Schlepptau, sagen dem Spanier dankend ab und fahren wenige Minuten später im Boot hinaus Richtung Coiba-Nationalpark. Der Wellengang ist stark, das Meer ist sehr aufgewühlt, und ich habe für einige Minuten gedacht, dass es das war. Vorbei, aus das schöne Leben, diese Bootstour würde ich niemals überleben. Das kleine Boot springt über die hohen Wellen und kracht mit einem lauten Knall über die Welle hinaus wieder auf die Wasseroberfläche. Verzweifelt klammern wir uns an der Reling fest, um nicht hoch und über Bord geworfen zu werden. Jeder einzelne Wirbel im Rücken schreit vor Empörung bei jedem Aufprall aufs Wasser. Jeden Moment bricht das Boot auseinander, ich versuche auszurechnen, wie weit es bis zur Küste sein mag, ob die Strömung wohl zu stark ist für acht Gekenterte. Anderthalb Stunden dauert die nasse Achterbahnfahrt – aber: Wer viel sehen will, muss weit hinaus und auch einiges Leid auf sich nehmen. Nachdem ich mich schon von meinem Leben verabschiedet hatte, sprangen plötzlich Delfine neben unserem Boot her und jede Angst war vergessen. Der Sprung über die Wellen pumpte Adrenalin durch den Körper, das kalte Meereswasser im Gesicht, der Fahrtwind in den Haaren und die Delfine eine Armlänge entfernt – pures Glück.

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Stopp auf der ersten Insel

Geheimnisvolle Unterwasserwelt

Der Schnorchelgang startet an einer winzigen Insel. Zwei Palmen, ein kleiner Felsen, etwas Sand, tausende Einsiedlerkrebse – weit draußen im Pazifischen Ozean. Wir schwimmen einmal um die Insel herum, die Unterwasserwelt ist einfach nur faszinierend: es ist komplett still, bis auf ein leichtes Knistern ist nichts zu hören, das Wasser ist angenehm kalt, die Sonnenstrahlen glitzern durch die Wasseroberfläche und erhellen die bunten Korallen. Gelb schwarze, türkis schillernde und royalblaue Fische leisten uns Gesellschaft. Es scheint fast so, als wollten sie ein bisschen angeben mit ihren bunten Schwärmen – Angst haben sie nicht, sie schwimmen durch unsere Gruppe hindurch und präsentieren sich von ihrer besten Seite. Unten schwimmen geheimnisvoll Moränen, sie suchen nicht unsere Aufmerksamkeit wie die bunten Fische. Ein Rochen zieht einsam seine Kreise auf dem sandigen Grund. Eine Schildkröte schaut erschrocken zu uns herüber, wir stören eindeutig ihr Revier und sie sucht schnell das Weite. Und dann sehen wir sie. Die Haie, wie sie direkt unter uns her schwimmen, ganz gemächlich und doch furchterregend. Sie scheinen kaum Notiz von uns zu nehmen, wir aber schauen ehrfürchtig auf sie herab, auf die Zackenflosse, auf das Gebiss, auf die hin und her rauschende Schwanzflosse. Das Ende von Open Water kommt mir in den Sinn – aber, die Haie sind klein und harmlos, eher auf der Suche nach einem kleinen Fischhappen als eine große Schnorchlermahlzeit.

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Weltkulturerbe mit dunkler Vergangenheit

Auch wir brauchen zwischendurch einen kleinen Happen und essen unser Mittagessen auf einer größeren Insel. Auf einer Wanderung über das geschichtsträchtige Eiland rennt mich ein Riesenmeerschweinchen fast über den Haufen. Oben in den Bäumen hören wir die Brüllaffen. Und ein Schild warnt vor dem Krokodil auf der Insel, das wir glücklicherweise nicht zu Gesicht bekommen. Wir machen noch zwei weitere Schnorchelgänge. Springen vom Boot in das offene Wasser, lassen uns mit der Strömung mitziehen und sehen erneut unbekannte Welten unter Wasser. Der isolierte Coiba-Nationalpark gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, und das zurecht: 50 Kilometer vor der Küste von Panamá im Golf von Chiriqui floriert ein einmaliges Unterwasser- und Inselparadies. Neben Haien, Walen und Delfinen sind dort auch unzählige Vogelarten, Opossum, Affen und mehr als 1.400 Pflanzen zuhause.

coiba island 2

Doch die Idylle trügt. Wo heute paradiesische Zustände herrschen, stand bis ins Jahr 2004 eines der berüchtigsten Gefängnisse von Panamá. Los Desaparacidos hießen die Gefangenen, oft politisch Verfolgte, denn viele von ihnen tauchten nie wieder auf. Noch heute wissen viele Angehörige nicht, wo sie sich befinden. An die dunkle Vergangenheit erinnern heute noch verwahrloste Grabstätten. Die Gefängniseinrichtungen verfallen nach und nach. Die Isolation der Insel hatte auch etwas Gutes: die unberührte Natur. Heute tut Panamá alles dafür, die Vergangenheit ruhen zu lassen und den Touristen die andere, heutige Seite zu zeigen: Und die schillert bunt in vielen Farben und nimmt der Insel somit den Schrecken, den sie einst verbreitet hat.

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